Donnerstag, 26. August 2010

Immer der Nase nach

Diese Woche gab es nicht so viel Spannendes, wofuer sich ein eigener Blogeintrag lohnen wuerde:
1. Ich habe jeden Tag unterrichtet und kann schon immer mehr Namen. Aber in der Schule geht es wirklich chaotisch und unorganisiert zu. Deshalb haben wir am Montag auch ein treffen mit allen Beteiligten.
2. Ich habe auch die Muetter unterrichtet. Davon habe ich noch gar nicht erzaehlt, weil das aus terminlichen Gruenden auch noch nicht oft der Fall war. Hier gibt es eine "Schule" fuer alleinstehende Muetter in denen ihnen Lesen, Schreiben, Rechnen, aber auch Naehen und andere Handarbeiten beigebracht werden. Ich bin also fuer das Lesen, Schreiben und Rechnen zustaendig (wann anders mehr davon).
3. Es gab wieder viele Diskussionen ueber Religion: Eine davon im Lehrerzimmer und eine Frau hat mich dann am Ende gefragt, zu wem ich denn dann abends bete, wenn ich nicht an Gott glaube. Als ich dann gesagt habe, dass ich gar nicht bete, war sie kurz davor den Exorzisten zu rufen, um mir den Teufel auszutreiben! Aber an anderer Stelle war mein Atheismus sogar hilfreich. Ich wurde (mal wieder) um Geld angebettelt, aber diesmal von 3 unfreundlichen, frechen Jungs. Ich habe ihnen dann (mal wieder) versucht zu erklaeren, dass mein wenig Geld ihre Situation nicht grundlegend aendert/verbessert und ich deshalb grundsaetzlich kein Geld gebe, sondern lieber anders helfe. Dann hat einer von ihnen die Bibel zitiert von wegen geben ist seeliger als nehmen und mich gefragt, ob ich denn nicht an Gott glaube? Nun ja, meine Antwort hat sie so geschockt, dass sie mich in die Hoelle gewuenscht haben und von dannen gezogen sind :-)
4. Ich war beim Friseur und das war wirklich ein Erlebnis: Erst bekam ich so einen Kittel um. Als sich dann aber auch der Friseur so eine Metzgerschuertze angezogen hat, habe ich mich doch etwas an den einen Monty Python Sketch erinnert gefuehlt, aber zum Glueck waren auf dieser Schuertze beruhigend wenig Blutflecke. Das Schneiden selbst ging sehr schnell und... brutal. Die Maschine war nicht mehr die neueste, aber jetzt sind meine Haare wenigstens wieder schoen kurz (keine Angst Laura, die wachsen wieder!) und pflegeleicht.


Fuer "nicht so viel Spannendes" habe ich jetzt ja schon ganz schoen viel geschrieben - wobei das echt nicht so spannend ist. Aber ich will euch noch von etwas anderem erzaehlen - von den Geruechen Ghanas:

Jean-Baptiste Grenouille wuerde sich hier schrecklich wohl fuehlen, denn es gibt staendig neue Gerueche zu entdecken und ein Geruch ist penetranter als der naechste.
In den Staedten riecht es vor allem nach Abgasen (es riecht nicht nur danach, sondern man sieht es auch). Wenn man durch die Natur laeuft, dann riecht es nach allen moeglichen Blueten und Baeumen - manche davon riechen gut und andere stinken mehrere Meter weit! Bei manchen Pflanzen muss man echt nen Bogen machen. In meinem Gaestehaus riecht es dann im besten Fall nach Essen! Entweder ist das Essen schon fertig oder Antony kocht gerade und beides riecht richtig lecker! Es riecht nach Erdnuss, Pfeffer, Paprika, Ingwer, Knoblauch und noch 10 anderen Gewuerzen, die wahrscheinlich nicht mal nen Namen haben.
Aber das krasseste Geruchserlebnis ist der Markt: Dazu sollte ich erstmal erklaeren wie ein Markt aussieht. Es gibt einen grossen (bis sehr grossen) Platz, wo viele Frauen ihre Staende aufbauen und alles moegliche verkaufen. Diese Marktfrauen sitzen da von morgens bis abends - eben bis sie alles verkauft haben - meistens in der Prallen Sonne und ihre Waren sind natuerlich nicht gekuehlt. Bei Textilien geht das ja noch, aber auf dem Markt gibt es hier wirklich alles zu kaufen - und ich meine wirklich alles! z.B. Fische in allen Formen und Farben und wenn diese auch nur ein paar Minuten in der Sonne liegen, fangen sie an zu stinken und wenn die den ganzen Tag in der Sonne liegen, dann wuerde selbst Verleihnix die Nase ruempfen. Es stink also nach Fisch und allen moeglichen Krustentieren! Aber es gibt auch Fleisch auf dem Markt, was nach einiger Zeit auch etwas verwesen riecht. Besonders krass sind Pansen, also irgendwelche Magen-Darm-Innereien, die man hier so aufgerollt als Snack kaufen kann. Die riechen selbst morgens schon, wenn sie halbwegs frisch sind, aber im Laufe des Tages fangen sie richtig an zu stinken!
Ich habe bisher nur von schlechten Geruechen auf dem Markt erzaehlt und diese ueberwiegen leider auch, aber es gibt auch echt leckere Dinge: Der Geruch von frisch gebackenen Donuts oder Kokoschips oder gebratene Bananen - alles echt lecker! Nur das gemeine dabei ist: Wenn man ueber den Markt lauft, dann wechseln alle diese Gerueche (also leckeres Essen und stickende Tierleichen) sich staendig ab und das ist schrecklich. Im einen Moment hat man Hunger auf Kokoschips und im naechsten Moment kommt man an Ziegeninnereien vorbei...
Ich war am Dienstag auf dem grossen Markt in der naechsten Stadt, wo es auch eine Art Schlachthaus gibt und einen Platz, wo die Tiere davor "warten" muessen. Das ist ja schon schrecklich genug, aber fast noch schlimmer ist der Geruch. Es ist unbeschreiblich, aber irgendwie beissend und nach Jauche und ich muste beinahe uebergeben (wollte aber auch nicht umdrehen, weil ich der einen Frau versprochen habe, was zu kaufen, wenn ich wieder an ihrem Stand vorbeikomme). Also das war wirklich einer der kassesten Gerueche und in Zukunft werde ich einen weiten Bogen darum machen!

EDIT:
Ich hatte nicht genug Zeit und musste leider zu frueh aufhoeren. Es gaebe noch viel mehr ueber Gerueche zu erzaehlen: Muell, Muellabfuhr und vorallem Muellverbrennung, Toiletten, Abwasserkanaele und Verkehrsstaus! Aber statt dessen lieber noch ein Bild - man kann zwar nichts riechen, aber sich in etwa die hygienischen Verhaeltnisse vorstellen. Dazu sollte man sagen, dass die Nachtaktiv und Lichtscheu sind,also einfach nachts mit derTaschenlampe aufs Klo

und das ist noch eine kleine!

Was lernen wir daraus: Ghana ist wirklich vielfaeltig, was die Gerueche angeht und es gibt viel mit der Nase zu entdecken, aber vegetarische Maerkte waren nicht nu tier- sondern auch touristennasenfreundlicher.

Ich hoffe, dass ich moeglichst viele Gewuerze mit nach Deutschland nehmen kann und ihr dann auch ein paar davon probieren koennt.


Das Wochenende ueber werde ich nach Koforidua fahren. Das ist in den Bergen im Norden von Accra und das soll es mehrere schoene Wasserfaelle geben. Das heisst aber auch, dass ich am Wochenende nicht ins Internet komme, aber Naechste Woche werde ich euch dann von den Wasserfaellen erzaehlen.

Montag, 23. August 2010

Harry Potter fuer eine bessere Welt!

Warum habe ich solch eine grandiose Idee eigetnlich erst nach 3 Wochen?! Aber wie immer der Reihe nach:

Ich war Sonntag in Cape Coast. Das ist eine alte, historische Stadt, die ca. 150km von hier entfernt an der Kueste liegt. Beruehmte alte Burg, schoene Uni und langer Strand. Ausserdem war Obama vor ca. einem Jahr dort und entsprechend laufen da jetzt immer noch alle mit Obama T-Shirts rum. Ach ja, ich war uebrigens alleine da! Oh ja, alleine und obwohl ich diesmal eine Kopie meines Reisepasses dabei hatte, wurde ich von keinem Polizisten kontrolliert - Verdammt! Das ist wie wenn man nen Regenschirm dabei hat und es regnet nicht - einfach unfair!

Ich habe mich also morgens auf den Weg gemacht und dieser ist ja bekanntlich das Ziel. Auch wenn es anders klingen koennte, aber 2h lang in einem ueberfuellten Auto an der Kueste entlangfahren macht richtig Spass! Es gibt tolle Landschaften und interessante Leute zu sehen. Cape Coast selbst war auch schoen, aber anstatt euch jetzt mit einer Stadtbeschreibung zu langweilen, lade ich lieber irgendwann Bilder hoch - irgendwann.
Burg und Strand

350 Jahre alte Kanonen

vegetarisches Restaurant!

Palmen am Strand

Tilman und Palme und Meer

Kueste von Cape Coast
Das tolle hier in Ghana ist, dass es keinen Ladenschluss oder sowas gibt und ich also an einem Sonntag seelenruhig in einem Buchladen stoebern konnte, waehrend andere Leute ihre Seele in der Kirche gerettet haben. In Deutschland wuerde man sowas eher Antiquariat nennen und es gab sogar einen Bildband ueber Reich-Ranicki auf deutsch (ja, ein Bildband auf Deutsch!). Auf jeden Fall habe ich da dann auch einige Harrz Potter Buecher auf englisch gefunden und da kam mir die geniale Idee. Die Buecherausstattung in der Schule ist ja eher duerftig und die sind ueber jede Buecherspende froh, weil die dann entweder die Buecher vorlesen, oder den interessierten Kindern die Buecher ausleihen oder schenken koennen. Also kaufe ich jetzt englische Buecher, lese die erstmal selber und schenke sie dann der Schule! Klar irgendwie naheliegend, aber ich fande die Idee trotzdem innovativ genug, um sie mit euch zu teilen.
Leider hatten sie nur den Halbblutprinzen und die Heiligtuemer der Todes und obwohl ich den Orden des Phoenix noch nicht ganz gelesen habe, habe ich mir den Halbblutprinz gekauft und in einem Tag schon das erste Drittel gelesen. Weitere Buchempfehlungen duerfen aber jederzeit in der Kommentarfunktion geaussert werden.


Sieg Hufflepuff!

Samstag, 21. August 2010

Die Botschaft hoer ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!

Und wieder mal passt ein Zitat wie die Faust aufs Auge - "Faust", kapiert?! Aber von vorne:
Freitag war der letzte Tag des Workshops und es war wohl wirklich ein grosser Erfolg! Am Ende haben wir eine Feedbackrunde gemacht, in der uns die Lehrer sagen sollten, was wir verbessern sollten und naja das einzige negative Feedback war, dass der Workshop nur 3 Tage lang ging... Es gibt zwar noch viel Arbeit in Sachen Lehrerfortbildung zu tun, aber das war immerhin mal ein Anfang und wir wollen gleich am Montag ein neues Projekt daraus machen.

Am letzten Tag habe ich also in Science ueber das Sonnensystem geredet - zumindest wollte ich das. Also habe ich angefangen von Sonne, Mond und den Planeten zu erzaehlen, aber ich kam nur sehr langsam voran, weil dauernd Zwischenfragen kamen (was ja super ist!). Unter anderem wollte ein Lehrer wissen, ob wirklich die Sonne im Mittelpunkt ist und warum sich denn dann die Sonne ueber den Himmel bewegt - zum Glueck hatte ich Globus und Taschenlampe dabei.
Aber dann kam die Frage, ob Astrophzsiker denn auch daran glauben, dass jeder Mensch seinen eigenen Stern hat. Da es im ganzen Universum aber mehr als 7Mrd. Sterne gibt, ist das mit dem eigenen Stern aber eher unwahrscheinlich. Aber dann kam gleich die naechste Frage, ob denn ein Stern auch sterben kann. Also wirklich total spannende Fragen, aber wie erklaert man das Lehrern, die nicht mal Bruchrechnen koennen? Ein Stern besteht also aus Wasserstoff und wenn man 1kg Wasserstoff und noch 1kg Wasserstoff fusioniert, bekommt man 1,99kg Helium - so ganz grob... Die uebrige Masse wird dann in Energie verwandelt (E=mc^2). Das haben die auch noch verstanden und auch, dass ein Stern dann "stirbt", wenn er irgendwann keinen wasserstoff mehr hat.
Doch dann kam die Frage: Ob denn Wissenschaftler an Gott glauben! So allgemein kann man das ja nicht beantworten und meine persoenliche Meinung wollte ich nicht sagen, weil die mich sonst alle nicht mehr ernst genommen haetten. Also habe ich ihnen von Albert Einstein erzaehlt, der glaeubiger Jude war und von vielen Phaenomenen, die man sich immer noch nicht wissenschaftlich erklaeren kann. Aber dass auf der anderen Seite gerade darin die Spannung steckt, ergruenden zu wollen, was die Welt im Innersten zusammen haelt. Dann war leider die Zeit zu Ende aber nach dem Workshop haben wir fleissig weiter diskutiert und sie mich gefragt, was denn bei diesem Urknall passiert ist und was davor war. Ich habe sie dann gefragt, was denn vor der biblischen Schoepfung war ("wuest und leer" - na toll). Wir wollten beide voneinander wissen, wie es denn mit uns in der Zukunft weiter geht und naja "Apokalpzse" ist einfacher zu erklaeren als die Friedmann-Gleichungen. Es war wirklich eine spannende Diskussion und trotz meines Englischs haben wir uns alle verstanden, aber niemand wollte der anderen Seite so recht glauben.

Der naechste Workshop traegt also den Titel "Vom Urknall bis Darwin"! Na gut, tut er nicht - aber sollte er! Ich freue mich also schon auf die naechsten Workshops und dann kann ich den Mathelehrern auch verraten, dass es Zahlen gibt, die groesser als 1.000.000 sind...

Donnerstag, 19. August 2010

Tilman teaches teachers

Zur Zeit laeuft mein erstes grossen Projekt hier: Ein Workshop fuer die gesamten Mathe- und Science-Lehrer im Camp. Wir organisieren diesen Workshop zusammen mit dem "Central Board of Eduaction" und mit meiner Organisation PCO. Alleine schon die Organisation war spannend, weil wir uns mit allen wichtigen Leuten treffen mussten, um das zu planen. Mr. Bah mit dem wir hier eng zusammen arbeiten war frueher z.B. Bildungsminister in Liberia - also echt spannende Persoenlichkeiten!

Tilman und Mr. Bah - viel netter als unsere Annette


Eigentlich unterrichte ich hier ja an einer Schule mit ca. 10Lehrern und 100 Schuelern. Aber im gesamten Fluechtlingslager gibt es ca. 500Lehrer und knapp 10000Schueler. Aber unter Lehrer duerft ihr euch jetzt keinen Universitaetsabgaenger vorstellen, sondern Lehrer darf sich hier jeder nennen, der seinen Namen schreiben und ein Stueck Kreide halten kann - und das ist leider nicht uebertrieben! Mit anderen Worten: Viele Lehrer beherrschen selbst nicht den Stoff, den sie unterrichten sollen (Beispiele unten). Ausserdem sind die Lehrer auch relativ schlechte Paedagogen, weshalb wir im Rahmen des Workshops auch Kurse zu "Schoolmanagement" und "Lesson Planning" anbieten. Der Workshop geht 3 Tage (Mittwoch bis Freitag) jeweils von 9 bis 14Uhr und es kommen ca. 50-100Lehrer.

Am Anfang hiess es, es sollte ein Refreshment Workshop sein und entsprechend habe ich mir fuer Mathe und Physik viele Themen vorgenommen, die ich ansprechen wollte. Aber die Realitaet sah erschreckend anders aus: Ich habe Grundschul- JuniorHigh- und SeniorHigh- Lehrer bei mir im Workshop, aber die wussten alle gleichwenig! Natuerlich gab es auch wenige, fuer die das wirklich eine Wiederholung war, aber fuer die meisten war das scheinbar neu. Eigentlich hatte ich mir ja so Themen wie Differentieren, Integrieren und DGLs vorgenommen, aber statt dessen haben wir erstmal einen Tag lang Bruchrechnen geuebt und heute habe ich eine Stunde lang erklaert, wie man den Mittelwert berechnet. Das macht mir natuerlich auch Spass und vor allem, wenn die Lehrer danach einzeln zu dir kommen und sich fuer das vermittelte Wissen bedanken. Aber es ist auf der anderen Seite auch frustrierend, weil man doch sieht, dass seine Arbeit ein Tropfen auf den heissen Stein ist (und stet'ger Tropfen hoehlt den Stein!^^). Natuerlich ist es schon ein toller Fortschritt, wenn man statt 20 Kinder 100 Lehrer unterrichtet, die dann ihr Wissen an 2000 Kinder weitergeben, aber wenn man sich ueberlegt, wie wenig Lehrer man damit erreicht und wie viele Lehrer trotzdem unqualifiziert sind, ist das schon ernuechternd.

Aber trotzdem ist der Workshop ein grossen Erfolg und die meisten Lehrer sind wirklich froh, dass sie die Moeglichkeit bekommen, sich fortzubilden. Ich wurde auch schon als Lektor fuer ein liberianisches Physikbuch verpflichtet: Also echt, weil einer der Rektoren arbeitet an einem Physikbuch fuer den neuen liberianischen Lehrplan und will, dass sich das mal jemand mit Unierfahrung durchliesst und so jemand ist hier schwer zu finden.
meine "Klasse"
Matheunterricht
Beweis ueber die Innenwinkelsumme im Dreieck
Gruppenfoto

Morgen ist der letzte Tag des Workshops und ich hoffe, dass ich ihnen noch den Unterschied zwischen einem Trapez und einem Parallelogramm erklaeren kann und wir dann noch genuegend Zeit fuer die Mondphasen haben :-)
Das wird sicher nicht der letzte Lehrerworkshop dieser Art, weil es macht mir Spass und den Lehrern offensichtlich auch. Das gute an Mathe und Physik ist im Uebrigen, dass man nicht so viele Vokabeln braucht, sondern vieles ueber Formeln erklaeren kann - und den Rest hat mir ja Herr Bartelmann beigebracht (to derive, arbitrary, light cone,...) Eigentlich koennte ich mich echt daran gewoehnen zu unterrichten - sogar auf Englisch und das will was heissen!

Dienstag, 17. August 2010

Astrid Lindgaehn

Heute moechte ich euch endlich mal vom Unterricht erzaehlen und ich moechte auch gleich mit der erschreckenden Erkenntnis anfangen: Die Kinder moegen Pipi Langstrumpf nicht! Heute Morgen kam der Rektor zu spaet, weshalb wir nicht an die Kreide in seinem Buero kamen. Also musste die erste Stunde improvisiert werden. Im Lehrerzimmer gibt es einige Buecher - alles moegliche ohne Ordnung und ich war heilfroh, als ich ein Pipi Langstrumpf Buch (in Taka-Tuka-Land) gefunden habe. Ich dachte mir also, dass es eine gute Idee sei, den Kindern was vorzulesen und habe denen das Buch auch gleich schmackhaft gemacht: Weltliteratur und beruehmt und jedes Kind mag das! Aber falsch! Ich bin mir sicher, dass es nicht an meinem Englisch lag, denn inhaltlich haben sie das schon alles verstanden, aber auch an den Stellen, an denen selbst ich mich zusammerreissen musste, nicht loszulachen, haben die Kinder keine Regung gezeigt! Natuerlich haben sie auf meine Nachfrage geantwortet, dass ihnen das Buch gefaellt, aber die sind wahrend dessen raus gegangen, haben geschlafen oder sich unterhalten. Also habe ich es bei dem ersten Kapitel belassen und dann hatte ich auch zum Glueck Kreide.


"Kinderbuch" - irgendwie angsteinfloessend und alle Puppen darin haben schwarze Augen
mein gespendeter Globus
Frisbeetraining - Alter, da fange ich gerade 2 Frisbees auf einmal!

Das Hauptproblem ist aber weniger ihre Abneigung gegenueber schwedischer Literatur, als vielmehr die Unorganisertheit! Es gibt zwar einen Stundenplan, aber daran haelt sich kaum jemand und wenn ich die Lehrer nicht fragen wuerde, welches Fach sie jetzt unterrichten und ob ich da mitkommen kann, wuerden sie gar nichts unterrichten! Es ist keine staatliche Schule und es ist "nur" das Ferienprogramm und die Lehrer werden nicht gut bezahlt, aber so ein gewisses Mass an Disziplin kann doch nicht schaden!
Dazu kommt noch, dass die Klassenzimmer keine Tueren haben und teilweise Durchgangsraume (!) sind. Das macht es natuerlich Kindern, Lehrern und Freiwilligen schwer sich zu konzentrieren.

Aber zum Ablauf: Es gibt 6Klassen(stufen), knapp 10 Lehrer und einen Freiwilligen. Die Kinder haben jeden Tag 3Stunden von 8bis11Uhr. Am Anfang bin ich mit den Lehrern mit in die Klassen gegangen, aber mittlerweile habe ich meine eigenen Klassen in Math und Science. In Science hat man sowieso jedes Mal ein neues Thema, aber in Mathe ist es echt schwierig: Die Lehrer haben mir am Anfang gesagt, ich solle mit der Klasse Bruchrechnen machen und zwar das Addieren von Bruechen mit unterschiedlichen Nenner. Das Problem ist nur: Die Kinder koennen nicht mal einfaches Bruchrechnen, die wussten nicht mal, was ein Bruch ist! Einige in der Klasse koennen nicht mal 3*4 rechnen! Ich habe mich dem natuerlich angepasst und fange jetzt nochmal langsam mit Multiplikation an, aber es ist echt krass, wie falsch die Lehrer das Wissen der Schueler einschaetzen.


Das Ein Mal Eins

Wenigstes geben sich die Kinder um so mehr Muehe. Wenn man eine kleine Klasse und etwas Ruhe hat, kann man denen wirklich was beibringen und die wollen auch was lernen. Man muss halt sehr langsam anfangen und versteht auch nicht immer, was die Kinder sagen, aber man gewoehnt sich an den Dialekt und auch an das Lerntempo der Kinder.

Ausserdem ist es schade, dass die Kinder nur Frontalunterricht gewohnt sind (Lehrer schreibt unkommentiert das Lehrbuch an die Tafel und Kinder muessen zum Antworten aufstehen) und nicht Gruppen- oder Projektarbeit oder sowas, aber ich gewoehne sie so langsam um. Den Sinn und Vorteil von Gruppenarbeit haben sie schon verstanden und die naechsten Woche wollen wir ein paar Prpjekte machen (Sonnenuhr, Filtration von Wasser, Karte des Camps,...).

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass aus dieser Schule mehr rauszuholen ist und werde euch auf dem Laufenden halten!

Montag, 16. August 2010

Zur flaschen Zeit am falschen Ort

Ich glaube, dieser Spruch hat noch nie so gut gepasst wie letzten Samstag: Der Tag hat ja ganz gut angefangen: Ich bin mit dem Trotro nach Accra gefahren und habe auch alleine zum Strand gefunden. Da gab es dann auch einen alten Sklavenhandelsplatz zu besichtigen und ich habe auch die ersten Fotos gemacht. Dabei hat mich dann aber gleich der erste gefragt, warum ich hier Fotos mache und das gehe nicht, weil das mal ein Gefaengnis war. Nun gut, der Reisefuehrer hat auch gesagt, dass man mit Fotos von Staatseinrichtungen vorsichtig sein muss. Nun gut, also habe ich das Fotografieren sein gelassen, aber der Reisefuehrer wird noch wichtig: Dieser Reisefuehrer hat mir naemlich auch gesagt, dass es weiter an der Kueste entlang die "Christansborg" gibt. Angeblich auch so ein alter Sklavenhandelplatz, den sich Touristen angucken koennen. Pustekuchen, aber lest selbst:
Ich laufe also vom Unabhaengigkeitsbogen eine schoene lange Strasse zur Christansborg (die wird mit o geschrieben, weil wegen ehemals hollaendisch und so) und freu mich ueber die schoene Allee und die wenigen Leute. Zu meiner rechten war eine schoene Wiese mit "betreten verboten" und "restricted area" schildern, die natuerlich nur fuer den Rasen gelten - dachte ich. An den Christansborg angekommen hat mich gleich einer von vielen Polizisten empfangen und gefragt, was ich hier mache. Ich sagte, ich wolle die Burg sehen und er sagte, ich habe sie ja jetzt gesehen und soll wieder gehen. Nun gut, ich etwas angepisst, laufe die Strasse ein Stueck zurueck und setze mich da unter einen Baum um eine kleine Pause zu machen und hier beginnt die Geschichte: Neben mir haelt ein grosses Auto mit einem Mann darin, der mich fragt, was ich hier mache.
Phase 1: Ich dachte, dass sei ein Stadtfuerer, der mir die Stadt oder zumindest den Weg zu der naechsten Sehenswuerdigkeit zeigen will. Er sagte dann, ich soll zu ihm ans Auto kommen und als ich mit einem "Thank you" ablehnte wurde er etwas boese und sagte, das sei ein Befehl!
Phase 2: Also doch kein Touristenfuehrer, aber wer dann und was will er von mir? Er hat sich bis zum Ende nicht vorgestellt, aber wartet ab... Er wollte also meine Genehmigung sehen hier zu sein und naja mein Pass mit Visum lag in meinem Zimmer ca. 50km entfernt. Da ich dachte, es sei einfach ein besorgter Buerger, hab ich ihm mal meinen Perso gegeben. Dann wurde er aber etwas sauer, weil mein Perso nunmal kein Visum enthaelt und ich habe ihm erklaert, dass mein Visum im Gaestehaus in Buduburam ist. Ungefaehr in dem Moment habe ich dann auch die Waffe in seinem Auto gesehen. Also sie war nur relativ klein, aber so ein schicker Mann in so einem teuren Auto wird keine Spielzeugpistole neben seinem Fahrersitz haben.
Phase 3: Ich wusste also, dass ich gerade nicht so viel machen kann, ausser moeglichst nett und hoeflich zu sein, was einem aber schwerfaellt, wenn man von einem bewaffneten Mann angeschrien wird. Und ich wusste, dass der Mann sehr einflussreich ist, denn er hatte ein teures Auto, 5 Handys von denen 3 wehrend unseres Gespraeches geklingelt haben (und er ist natuerlichran gegangen). Ein Drogenboss? Der mich als Kurier fuer Drogen nach Deutschland abrichten will? Klingt verlockend - zumindest verlockender als
Phase 4: Der Mann wollte mich zur Polizei bringen, um meine Personalien und mein Visum checken zu lassen. Ich wusste aber nicht, was die Polizei dann machen wuerde und vor allem wie lange das dauern wuerde. Ausserdem wusste ich ja nicht mal, was ich falsch gemacht hatte, denn (ich habe es auch spaeter bestaetigt bekommen) man muss sein Visum nicht dauernd bei sich haben. Der Mann hatte eine Waffe und wollte mich zur Polizei bringen, ich hatte Hunger und wollte Accra besichtigen. Natuerlich hat der Mann gewonnen und ich musste zu ihm in den Wagen steigen. Ironischer Weise sind wir dann zurueck zu der Christansborg gefahren. Warum ironisch? Tja, mein Vergehen war es, dass ich in einer "restricted area" war, wo ich also nicht haette sein duerfen und anstatt dass der Mann oder schon der Polizist vorher mich aus diesem gebiet geleitet haetten, wurde ich also in die Christansborg gebracht. Die Polizisten haben dem Auto bzw. dem dicken Mann neben mir auch richtig salutiert und jeder hat ihn sehr ehrfuerchtig begruesst. Wie sich spaeter herausgestellt hat und wie ich mir in dem Moment dachte, war es ein sehr hohes Tier bei der Polizei in Accra...
Phase 5: Zum Glueck wurde ich der Polizei uebergeben und der boese Mann ist weg gefahren. Die hat dann erst mal meine Personalien aufgenommen und meinen Rucksack und Fotos angeguckt (zum Glueck nichts Verdaechtiges...) hat. Aber anstatt, dass man da einer gutaussehenden Polizeikommissarsanwaerterin die Personalien und den vorfall diktiert, musste ich das alles selber schreiben. Also schon 3 Verbrechen: Kein Visum dabei, verbotenes Gebiet und grottenschlechtes Englisch! Aber die Polizisten waren eigentlich ganz nett zu mir, nur dass ich da eigentlich immer noch nicht wusste, das ich verbrochen habe. Die haben dann auch meine Leute im Camp angerufen, welche dann natuerlich etwas schokiert waren. Zwei meiner Freunde haben sich dann auch gleich auf den Weg nach Accra gemacht (nachdem sie die Tuer zu meinem Zimmer aufgebrochen haben um an meinen Reisepass zu kommen).
Phase 6: Ich war immer noch in der Christanborg und sollte in ein Polizeirevier gebracht werden, wohin meine Freunde dann meinen Perso bringen sollen. Ich wurde also von 2 Polizisten dort hin gefahren und die waren wirklich nett: Die haben mit mir ein kleines bisschen Sightseeing gemacht und mir auch erklert, wo das Problem lag: der verbotene Wald - also die restricted area! Also habe ich ihnen versucht, meinen Reisefuehrer zu uebersetzen, aber sie meinten, dass das eigentlich Problem der dicke Mann vom Anfang war, der einfach verdammt viel Einfluss hat und will, dass ich meine Lektion lerne. Also wurde ich zur Polizei gebracht mit der Aussicht, dass ich wieder gehen kann, wenn die meinen Reisepass mit Visum gesehen haben.
Phase 7: Warten! Gegen 14Uhr war ich im Polizeirevier und meine Freudnde haben etwas gebraucht. Aber es war echt komisch: Da waren zwei Zellen (also wirklich wie im Kino so mit Metallstaeben und dunkel und dreckig) eine fuer Maenner und eine fuer Frauen. Die fuer Frauen war leer, die fuer Maenner ziemlich voll. Aber es war wirklich komisch, dass ich nicht zu den anderen (schwarzen) Maennern in die Zelle musste, sondern auf eine Bank gesetz wurde. Das war sehr viel gemuetlicher und sauberer, aber doch grotesk: Wir Weissen haben die schwarzen ueber hunderte Jahre unterdrueckt, ausgebeutet und wie Dreck behandelt und jetzt kommt so ein weisse Krimineller zur Polizei und wird hofiert und bekommt Wasser angeboten. Aber ich bin ja nicht so und habe mein restliches Brot mit den anderen Gefangenen geteilt und mich auch ganz nett mit denen unterhalten - also wirklich! Aber die Zeit war trotzdem sehr lang! An dieser Stelle danke an meinen Papa, der mich regelmaessig angerufen hat und sich warscheinlich mehr Sorgen gemacht hat, als ich mir slebst.
Phase 8: Nach 4h kamen dann meine Freunde mit meinem Reisepass und wir mussten nur noch auf den Revierchef warten - nur noch! Nach ca. 5h und einer Belehrung, wo ich in Accra hin darf und wohin nicht war ich dann wieder ein freier Mann!

Also ernsthaft: Wenn ich eine Stunde frueher oder spaeter dort gewesen waere, oder mich nicht unter diesen Baum gesetzt haette, haette es niemanden gestoert. Aber nein, ich muss ja diesem boesen, dicken Mann begegnen, der nichts besseres zu tun hat! Nun ja es war auch eine ganz nette Erfahrung und naechstes Mal nehme ich wieder Wilfred mit!

Leider habe ich aber immer noch keinen Briefkasten oder geoeffnetes Postoffice gefunden, somit muss das Gewinnspiel noch etwas auf sich warten.

Aber ich habe in Accra den Kunstmarkt fuer mich entdeckt: Kunst ist etwas uebertrieben - "schoener Kitsch fuer Touristen" trifft es besser, aber es ist echthuebsch da und nicht so viel los, wie sonst ueberall! Diese Woche widme ich mich dann mal wieder den Projekten und der Schule. Lest mehr davon die naechsten Tage.

Freitag, 13. August 2010

"They follow me down to where I go" - Hand in Hand

Die Kinder in der Schule hier sind komplett anders als deutsche Schueler: Sie sind freundlich und wollen was lernen!

Die Kinder sind wirklich richtig aufgeschlossen und begruessen neue (Aushilfs)Lehrer erstmal mit einer stuermischen Umarmung. Naja und danach weichen sie dir nicht mehr von der Seite. Also ernsthaft: Was du machst, wohin du gehst, wen auch immer du triffst, die Kinder folgen dir und wollen dabei sein. Den ersten Tag freut man sich darueber, den zweiten Tag nervt es etwas und den dritten Tag findet man ein angenehmes Mittelmass mit den Kindern, so dass sie dir nicht mehr aufs Klo folgen wollen.
Aber abgesehen davon, dass du immer eine Traube Kinder um dich rum hast, wollen sie dich auch die ganze Zeit anfassen: Deine Haare, deine Arme und alles ist neu und seltsam fuer sie. Naja und vor allem wollen sie die ganze Zeit Huckepack oder an die Hand genommen werden (Jetzt versteht ihr vielleicht auch den ziemlich cleveren Post Titel).


Ansonsten ist echt echt krass, weil zur Zeit sind ja Sommerferien und die Kinder kommen trotzdem zur Schule. Vielleicht nochmal ein paar Worte zur Schule: Normale Schulen (auch Grundschulen!) in Ghana kosten Geld und nicht alle Eltern koennen sich das leisten. Damit die Kinder (v.a. hier im Fluechtlingslager) trotzdem eine Schule besuchen koennen, wurde eben diese Schule gegruendet, die fuer Eltern und Schueler komplett kostenlos ist. Leider kuemmern sich die Eltern wenig um die Bildung der Kinder und die Kinder kommen nur sehr unregelmaessig in die Schule, weshalb eben auch ueber den Sommer ein Alternativprogrogramm angeboten wird.
Jedenfalls sind die Schueler richtig wissbegierig und freuen sich darueber, dass man sich um sie kuemmert. Am Anfang hat man zwar gegenseitig Probleme sich zu verstehen, aber man gewoehnt sich schnell an den Dialekt.
Die Arbeit mit den Kindern macht also richtig Spass und wann anders werde ich euch dann ueber das Unterrichten und die Schule an sich erzaehlen.

Morgen werde ich dann den ganzen Tag nach Accra fahren und mir mal alleine die ganzen (naja so viele sind es gar nicht) Touristenplaetze angucken. Dabei werde ich mich dann auch mal informieren, was eine Postkarte nach Deutschland kostet und ihr duerft euch dann schon mal auf ein Gewinnspiel freuen :-)